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Der Mittelteil dieser Ausgabe: Jan. / Febr. 2012

Was ist Ihnen heilig?

Eine Zeitschrift hatte mich um einen kleinen Standpunkt angefragt, nur wenige Zeilen: «Schreiben Sie uns, was Ihnen heilig ist. Es muss nichts Konventionelles sein, auch etwas Ungewöhnliches, Besonderes ist uns sehr willkommen.» Die Bitte hat mich gereizt. Dann hat sie mich in Anspruch genommen.

Ich empfehle Ihnen die Übung zur Nachahmung. Versuchen Sie es doch einmal. Setzen Sie sich jetzt, zu Beginn des neuen Jahres, nieder und schreiben Sie auf, was Sie für sich selbst als heilig ansehen. Gibt es das für Sie? Und wenn ja, woran hängt es, dass Sie es heilig nennen? Hat es mit einem Gefühl zu tun, mit einer Erfahrung, einem Bibelwort, mit Gott allein, oder warum nennen Sie es heilig? Haben Sie etwas, was Sie alleine heilig nennen, oder teilen Sie das mit Ihrer Familie, Ihrer Partnerin, Ihren Nachbarn? Könnten Sie dasselbe heilig nennen wie Menschen, die anders glauben als Sie? Manchen ist das Abendgebet heilig, das ihnen hilft, eine gute Nacht zu verbringen, andere würden vielleicht sagen, das Familienfrühstück oder der Spaziergang im morgendlichen Wald, manche die Bibel nennen und andere die Erinnerung an eine sehr gute alte Erfahrung. Alle Antworten auf diese Frage, da bin ich mich sicher, werden immer sehr persönlich ausfallen.

Ich habe über die Frage, was mir heilig ist, lange nachgedacht. Das hat vielleicht mit einer protestantischen Scheu zu tun. Ist nicht allein Gott heilig? Doch gibt es auch für mich Erfahrungen, die mein Herz wirklich bewegen. Mir sind zuerst und vor allem andere Menschen eingefallen.

Heilige

Nein, ich kenne keine klassischen katholischen Heilige. Ich weiss nicht, wer für das Wiederfinden von Dingen und wer für die Brückenüberquerung «zuständig» ist, und auch von Heiligsprechungen verstehe ich wenig. Doch, wenn stimmt, dass Heilige Menschen sind, die es mir leichter machen, an Gott zu glauben, wie Nathan Söderblom gesagt hat, dann kann ich sagen: Solche Menschen kenne ich. Darum habe ich zuerst und vor allem mein Herz durchforstet, welche Menschen mir «heilig» sind.

Eine schaut mir von meinem Laptop entgegen. Drei Frauen haben den Friedensnobelpreis 2011 erhalten, darunter sie, Tawakkul Karman, Journalistin aus dem Jemen. Eine Frau, die ihr Gesicht zeigt, der Protestbewegung ihres Landes Stimme verleiht, gegen den Präsidenten demonstriert, anderen Mut macht. Sie steht ein für ein besseres Leben in ihrem Land, für sich, für ihre Familie, für andere. Sie sieht nicht stark aus. Sie hat keine Macht im eigentlichen Sinne, eher im Gegenteil. Fundamentalisten hätten sie bedroht, so heisst es. Ein politisches Amt hat sie keines; noch nicht, so hofft man. Und klar ist, der Nobelpreis wird sie vielleicht vor allem davor schützen, dass sie ihr Leben verliert in diesem Kampf im Jemen, in dem so viele sterben, die protestieren. Sie ist nicht mächtig. Im Weltentheater sehen wir ihr Gesicht, weil sie ins Rampenlicht gerückt wurde durch diesen Preis. Sonst wüssten wir sicher viel weniger von ihr. Die Grossmächte entscheiden mit, welche arabische Revolution unterstützt wird. Der Jemen war, so ist jetzt zu lesen, bislang «wenig im Blick», obwohl Menschen dort leiden. Gerade hatte man ihr die Nachricht von ihrer Auszeichnung gebracht, da ist Tawakkul Karman schon nach New York gereist, um bei der UN Sanktionen gegen ihren Präsidenten einzufordern. Und verkündet, sie wolle so lange bleiben, bis ihre Forderungen gehört werden. Die bislang Unbekannte der Weltgeschichte macht ihre Schwäche zur Stärke. Ich bewundere ihren Mut, mit dem sie an Gerechtigkeit glaubt und friedlich für sie kämpft.

Mit ihr und durch sie scheint es mir leichter zu glauben, dass die Welt sich zum Guten ändern kann, dass die Armen und Ausgegrenzten überall mehr Gehör finden, dass Friede wird. Wäre sie nicht, ich wäre mit weniger Hoffnung. Wer ist Ihnen heilig?

Mir sind noch andere eingefallen, «kleine Heilige» meines persönlichen Lebens. Es stimmt. Auf verschiedene Arten habe ich durch Menschen etwas kennen gelernt, das meinen Glauben stärker gemacht hat. Weil eine Freundin auch versucht hat zu glauben in ihrer schwierigen Situation, weil ein Kollege an der Gerechtigkeit festhielt, weil zwei um Frieden gerungen haben, im Leid. Ich kann nicht leben, ohne dass es solche Menschen gibt. Ich stehe staunend angerührt da, wenn ich ihre Schönheit als Menschen sehe. Ich habe sie bislang noch nie «meine Heiligen» genannt. Sie zu verehren, das wäre mir fremd. Doch wert sind sie mir sehr. Ist mir das «heilig»?

Sind wir heilig?

Die Bibel hat keine Scheu vor grossen Worten. Sie schreibt uns Menschen allen das Wort selbst zu: «Ihr seid heilig – ja seid es! – denn heilig bin ich Adonaj, Gott-für-euch.» (Levitikus 19,2, Bibel in gerechter Sprache). Weil aus Gott Heiligkeit kommt, weil Gott selbst heilig ist, wirkt dieses Heiligsein auf uns Menschen und macht uns selbst zu Heiligen Gottes. Wir werden in dieses Kraftfeld hinein gezogen, beinahe ohne unser Wollen, in dem von Gott Gerechtigkeit, Friede, Wohlwollen ausgeht und auf uns übergeht.

Paulus nennt die Menschen in den Gemeinden «Heilige», sie grüssen einander mit dem heiligen Kuss, ihre Körper bezeichnet er als Tempel der heiligen Geistkraft (1. Korinther 6,19, Bibel in gerechter Sprache). Für ihn ist die Heiligkeit etwas, was mitten in den Alltag gehört. Er schreibt (Römer 12,1f., Bibel in gerechter Sprache):

«Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemässer Gottes-Dienst. [2] Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. Dann wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das was Gott Freude macht, das Vollkommene.»

Damit rückt uns die Heiligkeit nahe. Unsere Kraft, unser Leben und unsere Körper sind Gottesgeschenke. Sie können wir selbst als «heilige Gabe» Gott bringen, einsetzen, mit und in ihnen wirken und handeln. Das ist unser Gottesdienst in unserem Alltag. Handeln wir heilig? Einfache Dinge sind es, die uns heilig machen: Ändert euer Denken. Schwimmt nicht mit dem Strom, passt euch nicht an, sondern macht euch frei von den Sachzwängen, dem Macht- und Herrschaftsdenken. Wann immer wir uns so frei machen, daran glaubt Paulus fest, werden wir begreifen, was Gott genau von uns will, und das tun.

Schwache Heilige

Die Theologin Klara Butting schreibt in ihrem Buch «Hier bin ich» von einem Projekt, in dem sie seit mehreren Jahren in Deutschland zusammen mit anderen arbeitet. Seit über 25 Jahren treffen sie sich in der Gruppe Erev-Rav, um zusammen die Bibel zu lesen und danach zu fragen, was diese Texte für sie bedeuten. In diesem gemeinschaftlichen Bibelstudium ist die Idee der «Woltersburger Mühle» entstanden, in der ein Zentrum für biblische Spiritualität Stück für Stück aufgebaut wird. Bibel-Lesende auf der einen Seite und junge Arbeitslose, die keine Eingliederung mehr erhalten, auf der anderen, bauen dort zusammen an einem Ort, den sie gemeinsam nutzen und gebrauchen können, zur Begegnung, zum weiteren Bibelstudium. Während alle Zentren am Rande der Kirche schliessen, haben sie ein neues eröffnet. Die heterogene Gemeinschaft muss üben, sich zu verständigen. Geld ist notorisch knapp, die Landeskirche mehr als skeptisch gegenüber diesem Vorhaben. Alle geben sie viel für diesen Ort.

Ich gestehe, ich bin neidisch. Alleine reicht mein Mut nicht so weit. Ich glaube deshalb nicht mehr daran, dass es mich in meiner Religion weiter bringt, wenn ich darin alleine bleibe. Auch ich brauche andere, mit denen ich meine Fragen teilen kann und meine Ratlosigkeit. Heilige Gottes leben heute vielleicht am besten in heiliger Gemeinschaft. Jedenfalls sind wir zusammen wahrscheinlich mutiger, uns über Sachzwänge und Existenzängste hinwegzusetzen und bestimmt fantasievoller darin, die Bibel ins Leben zu ziehen und etwas von Gottes Reichtum sichtbar zu machen.

Wir können die Jahreslosung für 2012 dazu ins Gepäck nehmen. Der ausgewählte Vers steht im 2. Korintherbrief im 12. Kapitel und heisst «Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.» (Vers 9b) Das ist doch schon mal ein Anfang für den Weg, oder?

Brigitte Becker, Studienleiterin
Theologie im gesellschaftlichen Dialog

 

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